Die Zersiedelung der Schweiz ist hausgemacht

Darum geht die Debatte


Der Publicity stunt ist Bastien Girod und Yvonne Gilli vollends gelungen. Allenthalben wird nun über die scheinbare Tatsache diskutiert, dass die Zuwanderung ein wesentlicher Grund für die zunehmende Zersiedelung der Schweiz sei. Zwar wird debattiert, ob es politisch korrekt oder gar notwendig sei, den postulierten Zusammenhang von links aufzugreifen. Inhaltlich überprüft wird die Behauptung erstaunlicherweise jedoch nicht, auch nicht von Medienschaffenden.

Zwei Faktoren fördern die zunehmende Zersiedelung der Schweiz ganz wesentlich: Der zunehmende Bedarf an Wohnraum und der beständige Ausbau der Verkehrsinfrastruktur. Die Vermutung, dass das Bevölkerungswachstum (das zum grössten Teil tatsächlich auf die Nettozuwanderung zurückgeht) diese Trends massgeblich verschärft, scheint schlüssig – sie ist aber grundfalsch, wie einfach verfügbare Statistiken schnell klarmachen.

Die Daten sind hier im Detail zu sehen:
http://kyriacou.ch/2009/11/die-zersiedelung-der-schweiz-ist-hausgemacht/

Debatte http://zersiedelung.politnetz.ch
Geschrieben 6. November 19:05, Andreas Kyriacou - Grüne
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Die Zersiedelung ist vor allem eine Folge der über 3000 Gemeinden in der Schweiz, welche eine wirksame Planung verhindert. Im Konkurrenzkampf um Steuerzahler und Aufträge für das lokale Gewerbe, wird gerade im ländlichen Raum viel zu grosse Bauzonen bewilligt.
2 Kommentare
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Ich denke, da ist man bereits um einige Schritte weiter. Die Zusammenarbeit auch in Sachen Planung ist in den vergangenen Jahren gerade im ländlichen Raum stark gewachsen. Allerdings bestehen immer noch viele Baulandreserven an Orten, wo die Nachfrage zu klein ist, andererseits wären andere Gemeinden froh, sie dürften mehr einzonen. Nur ist das bei den heutigen Vorschriften mit der Anbindung an den ÖV nicht mehr so einfach (was auch richtig ist)

Die Lösung liegt wohl in der Verdichtung der bereits besiedelten Zonen, im Heraufsetzen der Ausnützungsziffer und im Anpassen der Baureglemente, so dass zentrumsnah höher gebaut werden kann. Denn diese Wohnlagen werden auch in Hinblick auf die demografische Entwicklung immer gefragter.

Das Reduzieren der Gemeinden hingegen ist ein sehr komplexes Problem. Wir mussten letztes Jahr aus einem grossen Fusionprojekt aussteigen, weil es uns als finanzstarke Gemeinde über drei Steuerzehntel gekostet hätte. Die Auswirkungen von FILAG sind hier noch nicht einmal berücksichtigt. Unter diesen Umständen glatter politischer Selbstmord, noch weiter daran zu arbeiten.
Hannes Zaugg-Graf - Grossrat Kanton Bern, SP 1. März 2010 Verstoss melden
Auch wenn es der Zersiedelung Vorschub leistet, verstehe ich jede Gemeinde, die das so macht...
Adrian Zehnder 4. März 2010 Verstoss melden
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Dies ist kein Allheilmittel gegen Zersiedelung und Mobilität, denn sogar wenn alle Menschen in Städten wohnen würden, würde ein verschwindend kleiner Teil auch in Fussdistanz arbeiten, geschweige denn sämtliche Freizeitaktivitäten ausüben - was mir noch fast wichtiger erscheint, da der grösste Teil des Verkehrs der Freizeitmobilität dient. Als Kerncharakteristik unserer Zeit ist die Mobilität vermutlich kaum einzuschränken - übrigens ist die dafür verwendete Zeit ungefähr gleich geblieben, nur eben die Distanzen grösser. Im Sinne der Nachhaltigkeit müssten wir meiner Meinung nach nicht die Mobilität, sondern deren Folgeschäden einschränken (Lärm, Luftverschmutzung, ungebremster Platzbedarf). Dies mittels intelligenter kombinierter Mobilität, worauf die Verkehrsnetze nicht doppelt bis dreifach geführt werden müssen (Beispiel Flugzeug, Schnellbahn und Autobahn um z.B. nach Mailand zu gelangen). Der Zersiedelung ist höchstwahrscheinlich nur mit einer restrikitiven Bodenpolitik (auf Kosten des Steuerwettbewerbs) beizukommen. Hierbei dürfen aber die Wohnqualitätsbedürfnisse und die finanziellen Barrieren nicht vergessen gehen; Bau- und Grünraumqualität sowie günstiger, hochqualitativer Wohnraum in gut erschlossenen Städten/Agglomerationslager ist zu fördern.
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Es wird kritisiert, dass zu viele "Pendlerwagen" unterwegs sind... Das sehe ich auch so, vor allem wenn man sich die permanenten Verkehrskollapse in und um den Raum Zürich anschaut, aber auch an anderen lokalen oder regionalen Knotenpunkten.

Aber es scheint ein bisschen fern ab der Realität zu sein, wenn dann die Forderung kommt, dass Arbeits- und Wohnort näher beieinander liegen müssen.

Gerade in Anbetracht der Wirtschaftskrise aber auch grundsätzlich ist ein Umzug mit teils hohen Kosten verbunden. Wenn dann RAV-Stellen einem Stellensuchenden mitteilen, dass dieser eine Stelle anzunehmen hat, die ihm bis zu zwei Stunden Arbeitsweg beschert, liegt zwar ein Wohnsitzwechsel nahe, aber ist bei weitem nicht in jedem Fall umsetzbar.

Ich bin deshalb dafür, dass vor allem die öffentliche Verkehrsinfrastruktur stark ausgebaut wird, denn gerade der ökologische Effekt ist nicht unbeträchtlich. Allerdings verstehe ich auch jeden, der seines PW bedient, wenn er dadurch den Arbeitsweg in der Hälfte der Zeit schafft, als wenn er mühseligen öV in Anspruch nehmen würde.

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Seit 1980 nahm in der Schweiz die Zahl der EinwohnerInnen von 6.3 Millionen um rund 22% auf 7.7 Millionen zu. Die Zahl der immatrikulierten Personenwagen nahm im selben Zeitraum jedoch von 2.7 auf 5.2 Millionen zu – das sind 94% mehr. Die Nettozuwanderung – in dieser Zeit wanderten rund 880′000 Personen mehr in die Schweiz ein als aus – erklärt dieses Wachstum in keiner Weise. Mehr Fahrzeuge benötigen mehr Platz, auf der Strasse und überall dort, wo sie parkiert werden, in Wohnzonen, bei Arbeitsplätzen und bei Freizeit- und Einkaufstempeln. Dieser unsinnige und weiter ungebrochene Trend bliebe – das zeigen die Zahlen – auch bei einem Immigrationsstopp ungebrochen.

Die EinwohnerInnen der Schweiz gönnen sich auch immer mehr Platz zum Wohnen. Die Zunahme der beanspruchten Pro-Kopf-Fläche von 1980 bis 2000 übersteigt das Bevölkerungswachstum um ein Vielfaches. Daten der vergangenen drei Volkszählungen zeigen: Im Schnitt leben Ausländer in der Schweiz auf deutlich engerem Raum, im Jahr 2000 beanspruchten sie mit 32 Quadratmetern weniger als die Schweizer zwei Jahrzehnte davor!

Die Grenzen des Wachstums lassen sich also nicht an den Aussengrenzen der Schweiz regeln. Es bleiben genügend Themenfelder, bei denen Migrationspolitik tatsächlich Teil der Debatte sein muss. Bei den hausgemachten Problemen bringen uns Abschottungsforderungen nicht weiter.
7 Kommentare
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Ein weiteres Problem ist ein wahrgenommenes Recht auf unbegrenztes Pendeln: Es müssten längerfristig Anreize geschaffen werden, dass Wohn- und Arbeitsorte näher beieinander liegen müssten - gerade weil die dadurch entstehenden Mobilitätsbedürfnisse schlicht nicht mehr abzudecken sind.
Philippe Wampfler 6. November 2009 Verstoss melden
@Philipp Wampfler
Ein kleiner Ansatz dazu wäre die ersatzlose Streichung des Pendlerabzugs als Berufsauslage bei den Steuern. (Das kann gerne mit einem moderaten Anstieg der allgemeinen Abzugspauschale verbunden sein.)

Diese Subventionierung fördert es geradezu, arbeiten und wohnen räumlich zu trennen.
Andreas Kyriacou - Grüne 7. November 2009 Verstoss melden
Völlig einverstanden - dieser Abzug ist völlig sinnlos und schafft falsche Anreize.
Philippe Wampfler 7. November 2009 Verstoss melden
tatsächlich??... wie erklärt ihr dann einem Stellensuchenden, der sich bei einem RAV meldet, dass er bis zu 2 Stunden Arbeitsweg in Kauf nehmen muss?? (pro Weg, versteht sich)... ?? und das dann nicht von den Steuern abziehen können? Danke schön!
Adrian Zehnder 9. November 2009 Verstoss melden
Dieses Beispiel geht von der Annahme aus, man könnte sich aussuchen, wo man wohnen will - um dann irgendwo arbeiten zu können. Wenn man das will - dann sollte man dafür nicht mit einem Steuerabzug belohnt werden. Zudem ist das Beispiel wenig realistisch: Das Problem betrifft z.B. den Großraum Zürich, in dem sich viele Arbeitsplätze befinden.
Philippe Wampfler 9. November 2009 Verstoss melden
Von welchem Beispiel redest du jetzt? Meinem oder Deinem?

Wenn du von deinem ersten Kommentar ausgehst, verstehe ich das gesellschaftskritisch in der Form, dass du anprangerst, dass alle in der Stadt arbeiten wollen (höherer Lohn), aber in der Agglomeration oder noch weiter weg wohnen wollen (weniger Verkehr, ruhiger, etc.) und dem möchtest du begegnen mit einer Streichung von Steuerabzügen, die sich aus den Pendelkosten ergeben? richtig so?

oder meinst du doch mein Beispiel, welches nicht so oder nur wenig realistisch ist, weil es zb. "nur" den Grossraum Zürich betrifft??...

Also, wenn du zum Grossraum Zürich auch Bern, Basel, Luzern und St. Gallen zählst, dann stimme ich dir zu, dann ist das Beispiel sehr eingeschränkt und das Problem bleibt auf diesen Bereich konzentriert... Nur dass dieser Grossraum den grössten Raum in der Deutschschweiz einnimmt. Und insofern finde ich das sehr realistisch zumal ich aus eigener Erfahrung und aus Erfahrung von Verwandten weiss, wie es im RAV zu und hergeht. Da ist es durchaus zumutbar bspw. von St. Gallen täglich nach Zürich zu pendeln, um dort einer Arbeit nachzugehen, wenn sie vom RAV vermittelt wird.

Aber auch wenn es freiwillig(er) geschieht, stimme ich dem Argument nicht ganz zu. Denn die meisten die bspw. in den Grossraum Zürich pendeln um dort zu Arbeiten können es sich schlicht nicht leisten auch dort zu wohnen. Also was bleibt ihnen übrig als zu pendeln?
Adrian Zehnder 9. November 2009 Verstoss melden
Als Kerncharakteristik unserer Zeit ist die Mobilität vermutlich kaum einzuschränken - übrigens ist die dafür verwendete Zeit ungefähr gleich geblieben, nur eben die Distanzen grösser. Im Sinne der Nachhaltigkeit müssten wir meiner Meinung nach nicht die Mobilität, sondern deren Folgeschäden einschränken (Lärm, Luftverschmutzung, ungebremster Platzbedarf). Dies mittels intelligenter kombinierter Mobilität, worauf die Verkehrsnetze nicht doppelt bis dreifach geführt werden müssen (Beispiel Flugzeug, Schnellbahn und Autobahn um z.B. nach Mailand zu gelangen). Der Zersiedelung ist höchstwahrscheinlich nur mit einer restrikitiven Bodenpolitik (auf Kosten des Steuerwettbewerbs) beizukommen. Hierbei dürfen aber die Wohnqualitätsbedürfnisse und die finanziellen Barrieren nicht vergessen gehen; Bau- und Grünraumqualität sowie günstiger, hochqualitativer Wohnraum in gut erschlossenen Städten/Agglomerationslager ist zu fördern.
Fabian Lüthi - JEVP 22. Januar 2010 Verstoss melden
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